1917

Filmkritik zur Sneak-Preview eines Kriegsfilmes von Sam Mendes

Britischer Soldat im Schützengraben während der Schlacht an der Somme, 1916 (Foto: John W. Brooke, gemeinfrei)

Wir haben sie alle schon gesehen, oder zumindest von ihnen gehört: Namen wie „Im Westen nichts Neues“, „Die Brücke am Quai“, „Apocalypse now“, oder „Full Metal Jacket“. Highlights der Filmgeschichte, die sich dem Thema ’Krieg‘ widmen, ihn von allen möglichen Seiten beleuchten und versuchen, einen schmalen Blick der Sichtbarkeit auf das Unvorstellbare zu werfen. Die Perspektiven sind dabei so vielfältig, dass sie hier gar nicht vollständig aufgeführt werden können.

Kriegsfilme allenthalben

Seien es bestimmte Aspekte innerhalb der Austragung von Krieg, wie z. B. das Leben in einem Kriegsgefangenenlager in „Gesprengte Ketten“ und das Leben in einem U-Boot in „Das Boot“, seien es militär-historische Aspekte wie in „Stalingrad (1993) (2013)“ oder in „Die Brücke von Arnheim“ (ganzer Film), seien es Werke der Heldenverehrung und – überhöhung wie „Der Soldat James Ryan“ oder „Hacksaw Ridge“, oder Spielfilme, die anklagen, wie in „Wege zum Ruhm“ und „Platoon“, seien es Werke mit Darstellungen antiker Kriege wie „300“ oder „Troja“, oder Filme, die Aspekte moderner Kriegsführung herausheben wie „Good Kill“ oder „Black Hawk Down“, oder gar Filme, die die Unterscheidlichkeit der Perspektiven einfangen wie „Letter from Iwo Jima“ und „Flags of our Fathers“ und andererseits Filme, die anhand eines tatsächlichen Krieges fiktive Handlungen erzählen mit komischen oder satirischen Aspekten wie „Inglorious Basterds“ oder „M.A.S.H.“, aber auch eine Miniserie wie „Band of Brothers“, sie alle haben den gewalttätigen, lethalen Kampf von Menschen gegeneinander zum Thema und bereiten dieses inhaltlich und perspektivisch sehr unterschiedlich auf.

Zudem fällt über die Jahrzehnte cineastischer Interpretation natürlich auf, das unterschiedliche technische und handwerkliche Voraussetzungen seitens der Filmproduktion, verschiedenartige Erzähltypen und -perspektiven, ungleiche Motivationen und Absichten und nicht zuletzt geänderte Sehgewohnheiten eine wirkliche Vergleichbarkeit schwierig machen. Trotzdem ist es natürlich möglich, die Qualität eines Kriegsfilmes zu bewerten. Die vier maßgeblichen Aspekte sollen wie anderswo auch hier die visuelle, die auditive, die Schnitt- und Montage-, sowie die narrative Analyse sein.

Inhaltlicher Überblick

Aber zunächst einmal zum Inhalt: Die dargebotene Geschichte ist, ohne Wesentliches zu verraten, eiegntlich kurz und knapp erzählt: Zwei britische Soldaten sollen im Ersten Weltkrieg zu Fuß eine kriegswichtige Meldung an einen an der Front dislozierten, eigenen Armeeverband überbringen, da der Feind, die Deutschen, sämtliche Fernmeldeleitungen gekappt hat. Vom erfolgreichen Überbringen der Nachricht hängt das Leben von 1.600 Kameraden ab.

Zum geschichtlichen Hintergrund

Die Handlung basiert auf wahren Begebenheiten, die dem Regisseur und Drehbuchautor des Werkes, Sam Mendes (u. a. „American Beauty“, „Jarhead“, „Zeiten des Aufruhrs“, „JamesBond: Skyfall“ und „James Bond: Spectre“) nach eigenen Angaben von seinem Großvater, einem Veteran dieses Krieges, erzählt wurden1. Wenn auch der Film extremen Wert auf historische und militärische Details legt, so sind die handelnden Personen nichtsdestotrotz frei erfunden.

Der Film spielt, wie unschwer dem Titel zu entnehmen ist, im Jahr 1917 und die Handlung ist eingebettet in die Vorgänge an der Westfront, genauer im damaligen Frontabschnitt zwischen den französischen Städten Arras im Norden und dem ca. 75 km weiter süd-südöstlich liegenden St. Quentin.

Lagekarte des Frontabschnitte Arras – St. Quentin (Frankreich) im Frühjahr 1917; durchgezogene Linie: vorheriger Frontverlauf; gestrichelt: Hindenburglinie; grün markiert: ungefährer Spielort des Filmes (Karte: Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Das Deutsche Kaiserliche Heer hat im Zuge des ’Unternehmens Alberich‘ zwischen Arras und Soissons zwischen dem 16. und 19. März einen taktischen Rückzug vollzogen von einer deutlich westlicher gelegenen Bogenstellung zur sog. Hindenburglinie (alliierte Bezeichn.; dt. Siegfriedstellung). Diese bewusste, großflächige Raumpreisgabe diente den Deutschen einerseits dazu, die Frontlnie deutlich zu verkürzen und damit die knappen Ressourcen besser verteilen zu können, war aber anderereits auch in der Absicht durchgeführt worden, dem Feind Schwäche vorzutäuschen und ihn in eine Falle zu locken.

Dieser Tatsache war sich die britische Luftaufklärung bewusst und wollte dies dem 2. Bataillon des traditionsreichen Devonshire Regiment, eines Infanterie-Großverbandes, mitteilen. Der vorgeschobene, britische Truppenteil war auf eine eigene Offensive vorbereitet, die übergeordnete Generalität erkannte jedoch auf den Luftbildern die drohende Gefahr einer operativen Vernichtung, da die Deutschen einen alliierten Vorstoß provozieren wollten und entsprechend massiv den Frontabschnitt mit Artillerie besetzt hatten. Damit soll’s das mit der Geschichtsstunde auch gewesen sein.

Was macht den Film aus?

Ich will es gleich vorwegnehmen: Dieser abendfüllende Spielfilm ist ein Meisterwerk seines Genres! Die Handlung ist an sich schon fesselnd genug, es ist ein packender Lauf gegen die Zeit. Die Charaktere werden dabei weder als stereotype Helden dargestellt, noch wird eine schablonenhafte Einteilung in Gut und Böse vorgenommen. Stattdessen spielen zwei begabte, junge Schaupieler, George MacKay (u. a. „Peter Pan“, „Herr der Diebe“) als Lance Corporal William Schofield und Dean-Charles Chapman (u. a. „Solange ich atme“, „The Commuter“) als Lance Corporal Tom Blake ihre Rollen dermaßen authentisch und verleihen ihren sehr differenzierten Figuren Menschlichkeit und Glaubwürdigkeit in der gesamten Bandbreite. Weithin bekannte Stars in Nebenrollen, Colin Firth als General Erinmore ganz am Anfang des Filmes und Benedict Cumberbatch als Bataillonskommandeur Colonel Mackenzie ganz am Ende mögen da noch nette Dreingaben sein.

Die Darstellung der Krieges als Ort menschlicher Untiefe beinhaltet einen reichen Fundus an Perspektiven und Aspekten, die denkwürdig eingeflochten werden in das große Ganze und doch immer wieder bravourös in einzelnen Gesichtsausdrücken, Regungen und Sätzen kondensieren und damit jeden Schritt der beiden Akteure nachvollziehbar und erlebbar machen.

Kein Kammerspiel – die Kameraarbeit

A propros ’Schritt‘: Die 110 Minuten Filmlänge, dargestellt sind ca. 8 Stunden Handlungsdauer in der Wirklichkeit, vollziehen sich fast ausschließlich in einer geradezu erschreckend realistisch wirkenden Outdoor-Kulisse, die an Detailreichtum ihrensgleichen sucht. Es geht u. a. durch stacheldraht-bewehrte Artielleriekrater-Landschaften, durch eine restlos zerbombte Kleinstadt, kontastreich naturnah und unberührt wirkende Felder und Wälder, eine angsteinflößende Bunkeranlage und endlos scheinende Schützengräben.

Womit wir beim markantesten Herzstück dieses Film-Epos wären: Der Kameraarbeit. Während der Produktion des Filmes gab es zwei Drehbücher, eines für die Protagonisten mit deren Handlungen und Dialogen und eines für die Kamera. Der gesamte Film, bis auf einen Zeitsprung nach etwa zwei Dritteln Spieldauer ist gedreht, als wenn es eine sog. One-Shot-Einstellung wäre, d. h. es wird vollständig auf Schnitte zwischen Sequenzen und Szenen verzichtet. Stattdessen folgt die Kamera nahtlos der Handlung über den gesamten Film. Dabei nutzt sie den gesamten Raum um die handelnden Personen herum. Mal rennt oder geht sie den beiden Soldaten hinterher, mal begleitet sie sie von der Seite parallel und mal schwenkt sie in eine Blickachse, die der Bewegung vorauseilt.

Aufwändige Kulissen und umfangreiche Requisite

Der Kulissenbau, gedreht wurde in England und Schottland, sowie die Kalkulation der Kamerabewegungen auf dem Set war dabei wohl erheblich aufwändiger als bei vergleichbaren Filmen. Jede der nahtlos ineinandergreifenden Sequenzen wurde im maßstabsgetreuen Modell komplett vorgebaut, bevor die Baumaschinen und Szenenarbeiter die Real-Landschaft in ein Weltkriegs-Gelände buchstäblich umgegraben haben. Diese Vorgehensweise bezieht den einzelnen Zuschauer derart dicht an das Geschehen, dass bisweilen – auch ohne 3D-Effekte! – der Eindruck entsteht, man befinde sich mitten auf dem Schlachtfeld. Waaaaay spooky!

Der dazugehörige Soundtrack von Thomas Newman, einer beispiellosen Kapazität auf dem Gebiet mit bisher 13 Oscar®-Nominierungen und zwei Grammy-Awards, unterstützt den Film in jeder Hinsicht durch einen epischen und spannungserzeugenden Klangteppich.

Oscar®-Nominierungen

Der Film ist zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Textes in insgesamt zehn Kategorien für den Academy Award (Oscar®) des Jahres 2020 nominiert und verdiente meines Erachtens mindestens neun dieser Nominierungen als Auszeichnung. Go for it!

Der Trailer des Filmes „1917“ auf dem Kanal von Universal Pictures auf YouTube.
Filmstart: 16. Januar 2020
Land/Jahr: USA, Vereinigtes Königreich, 2019
Regie: Sam Mendes
Cast: George MacKay, Dean-Charles Chapman, Colin Firth
Länge: 110 min
Genre: Kriegsfilm, Drama, Action
Altersfreigabe (FSK): 12
Bewertung: 10/10
  1. Simon, Scott: „It Was Part Of Me”: Director Sam Mendes On The Family History In ‘1917’“; 21. Dez. 2019, www.ktep.org. Abgerufen am 15.01.2020