Spitzenkleid mit Blut befleckt

Ready or not

Filmkritik zur Sneak-Preview einer US-Horrorkomödie

Spitzenkleid mit Blut befleckt
(Original-Foto: Daria Sannikova, Pexels, CC0)

Es ist offenbar die Zeit der galoppierenden Unappetitlichkeiten. Man findet zu diesem Film hingeworfene Brocken wie „schwarze Komödie“ und „humorvoller Horror“. Was einen tatsächlich erwartet ist ein waschechter Splatterfilm. Wenn man also austretende Gedärme, zertrümmerte Schädel, durchschossene Hände und abgetrennte Köpfe sehen mag, dann ist dieser Film genau das Richtige! Bewaffnet mit Popcorn in der einen, dem Liter-Becher Cola in der anderen Hand, wird man voll auf seine Kosten kommen.

Wenn man hingegen eine anspruchsvolle Story, witzige (und nicht flach ins Drehbuch geskriptete), oder gar clevere Dialoge, schauspielerische Leistungen über dem Niveau einer Abschlussklasse und eine sich subtil zuspitzende Handlung mit geistreichen Höhepunkten sehen will, sollte man im Zweifel lieber einen einschlägigen Streamingdienst bemühen. Es laufen ja gerade ein paar interessante Serien, die zum Teil sehr empfehlenswert sind als gute Abendunterhaltung.

Alles ist absehbar

Ja, natürlich, ist ja auch Hollywood, wird mancher jetzt sagen. Aber nein, so ist das nicht gemeint. Wenn man nach dem ablenkenden Geplänkel der ersten 15 Minuten ein Lineal an den Handlungsstrang anlegt, kann man zielgenau den Punkt abtragen, an dem das Machwerk nach anderthalb Stunden ankommt.

Der Plot ist unschwer skizziert: Armes Mädchen heiratet bis über beide Ohren verliebt schwerreichen jungen Mann. Die fragwürdige Tradition der verschrobenen Unternehmerfamilie schreibt jedem Neu-Mitglied ein Aufnahmeritual in Form der Teilnahme an einem Spiel vor, welches durch Losverfahren ermittelt wird. Der einzige schwarze Peter unter den möglichen Spielen ist „Hide and Seek“, das Versteckspiel, wobei sich schnell herausstellt, dass es hier um Leben und Tod geht. So flieht und schleppt sich die Hauptfigur, die ganz in weiß gekleidete Braut Grace (damit nachher das allseitig spritzende Blut auch ja einen schaurig-schönen Kontrast bilden kann) im Folgenden wie in einem 80er-Jahre Jump-and-Run-Spiel von einem Gegener zum nächsten.

Der deutsche Trailer (Video: KinCheck bei YouTube)

Selbstredend bleiben alle möglichen Nebenfiguren dabei auf der Strecke, wobei sich zum Showdown der mutmaßlich gute Märchenprinz als der eigentliche biestige Allmighty-Endgegner entpuppt und sich zusammen mit der insgesamt derangierten und leicht dezimierten Familie über das Opfer hermacht. Zu allem Überfluss reicht es nämlich nicht, die Beute zu stellen, sie muss darüberhinaus auch noch sachgerecht in einer satanischen Zeremonie in die ewigen Jagdgründe befördert werden. Herrje!

Wie abzusehen steckt sich das gebeutelte aber letztlich doch siegreiche Menschlein am Ende – alle Familienmitglieder haben sich derweil per fremdinduzierter Explosion in einer Blutorgie im Salon verteilt – mit einem letzten, kernigen Spruch auf den Lippen eine Fluppe an. Ende gut, alles… naja.

Warum ausgeklügelt, wenn’s auch einfältig geht?

Alles an diesem Spielfilm ist grob geschnitzt: Angefangen bei der wenig überraschenden Runde der Figuren, die sich in ihrer Unterscheidungsfähigkeit schon vom Äußeren her als leichte Kost empfiehlt. Ich frag mich manchmal beim Anschauen eines solchen Streifens, ob die Charaktere mit Absicht so gestaltet sind, dass ein betrunkener Gehirnamputierter ohne Weiteres in der Lage ist, nach einer durchzechten Nacht, sich die relevante Drehbuch-Bevölkerung mühelos einzuprägen und wiederzuerkennen.

Im Repertoire des Autor finden wir das ungleiche Bruderpaar, die beschränkte, koksende Schwester, den ambitionierten Mitläufer-Ehemann, die verbiesterte Schwägerin, das abgeklärt-kühle Oberhauptspaar, die garstige Tante, das irrelevante, weibliche Personal, den blutstreue Hausdiener und die bis zu Besinnungslosigkeit einfältigen Kinder.

Weiter kramen wir aus der Mottenkiste ein bisschen wohlfeile Gesellschaftskritik – die Reichen gehen über Leichen. Wir fügen hinzu eine absehbar-unabsehbarer Wendung vom selbstlos liebenden Ehemann zum blutrünstig-loyalen Familienmitglied und schmecken ab mit einer Prise Drama-Pitching in Form von plumpen Closeups offener Wunden. Als Sahnehäubchen gibt es eine stets verbalisierte Contenance im Auge des Hurricans der vollständigen Eskalation.

Das Publikum, das unbekannte Wesen

Nun ist es ja nicht schwer zu erraten, dass mir der Film eher eine Zumutung, denn cineastische Kurzweil war. Was ist aber mit den anderen Menschen vor der Leinwand? Es wurde häufig, mitunter herzlich gelacht. Soweit mir ersichtlich, ging auch kaum jemand aus der laufenden Vorstellung, was ich bisher bestimmt schon vier, fünf Mal in all den Jahren Sneak-Preview gemacht habe. Außerdem bleibt immer noch das turbo-kapitalistische Argument, dass niemand für die Produktion eines solchen Filmes Geld zur Verfügung stellen würde, wenn nicht relativ sicher wäre, dass sich dafür auch ein zahlendes Publikum fände.

Und schließlich IMDB: Dort haben zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikel immerhin über 11.000 Menschen eine Durchschnittsbewertung von 7,2 (!) vergeben. Das kann im Umkehrschluss nur heißen, dass nach „Geiz ist geil“ nun auch „Gehirnamputiert ist geil“ seinen Zuspruch gefunden hat… – oder ich völlig überzogen anspruchsvoll und humorlos bin.

Fragen, die am Ende offenbleiben:

  1. Was gab es als Hochzeitsgeschenke?
  2. Was erzählt die Ex-Braut den ermittelnden Beamten der Kripo?
  3. Welche Art von PTBS-Therapie wird der Protagonistin nach dem „kleinen Vorfall“ zuteil, damit sie nur grundsätzlich wieder im Rest der Gesellschaft funktioniert?
  4. Who the f… is Mr. Le Bail?

Fazit

Och, ich wees doch ooch nich…! Einen Punkt gibt’s für die Spezialeffekte, einen für die grandiose Location, einen für das allseitige Bemühen, einen abendfüllenden Film zu drehen und einen für die bereits jetzt fünffache Kosteneinspielung – Reschpeckt!