ROM 01|19

Aller Anfang ist erstaunlich…

Der meinige Anfang der Via Appia (Foto: Sarah A. Besic, CC BY-SA 4.0)

Es besteht noch Hoffnung. Vorgefundene Aspekte dieses Daseinsbereiches sind auch im Jahre des Herrn MMIXX noch deutlich wirkmächtiger als die himmelstrebenden Bezwingungs- und Machbarkeitsphantasien des Homo Sapiens  (besser: Homo qui postulat sapientia), wie der vergangene Tag eindrucksvoll bewies.

Anstatt wie geplant mit dem Modell 737 Winglet des im Einsparen hochbegabten, nordamerikanischen Unternehmens Boing (mit dem im 5-Jahres-Rückblick fantastischen, heutigen Schlusskurs von $366,18 – da sage Einer*_innen, die Fehlleistungen dieser Flugzeugbude würden nicht angemessen honoriert!) planmäßig um 06:25 Uhr zu starten, machte eine Temperatur von -1° C dem formvollendet einen Strich durch die Rechnung, erzwang eine Tragflächen-Enteisung und führte schon vor Beginn der Reise zu guten 30 Minuten Verspätung.

Das Wetter und die Pünktlichkeit

Wie zum Hohn ereilte unseren Flug an seinem Bestimmungsort Rom eine gleichermaßen umfängliche Zeitverzögerung infolge widrigen Wetters. Die schlagartig angestiegenen Morgentemperaturen von ca. 9° C ließen am Boden befindliche Feuchtigkeit zu wunderschönem Nebel kondensieren, welche ein halbstündiges Versuchskreisen über den Zielflughafen einforderte mit anfänglich auch noch in Aussicht gestellter Landung auf einem gänzlich anderen Flughafen. Soweit kam es dann doch nicht, aber auf den von der betreffenden Fluglinie Ryanair gerne zu Ruhm und Ehre dargebotenen Renommee-Jingle die eigene Pünktlichkeit betreffend mussten die Passagiere wegen insgesamt einer Stunde Verspätung leider verzichten.

Es sind also durchaus nicht nur bei der Deutschen Bahn die vier Jahreszeiten in all ihren charakteristischen Erscheinungsformen (Hitze, Kälte, Nässe in drei Aggregatzuständen, Wind) feindlich gesinnte Einflussfaktoren, sondern auch die fliegende Zunft sieht sich von diesen unberechenbaren Gewalten zum kapitalistischen Gewinnverzicht gezwungen. Hehe…!

Hinein in die Stadt

Nevertheless stand ich um 09:40 Uhr gutgelaunt und unter strahlend blauem Himmel am Ablaufpunkt ‘Charlie-Alpha-India’ (N 41° 47.698′, E 012° 35.078′, Höhe: 114 m) auf der im Jahre 312 vor unserer Zeitrechnung vom Konsul Appius Claudius Caecus ursprünglich als militärischer Nachschubweg angelegten Römerstraße. Die später bis Brundisium (heute: Brindisi) ausgebaute Fernstraße entwickelte sich zu einer der wichtigsten Handelswege der Antike und erlangte vielfach Berühmtheit durch geschichtliche Ereignisse, wie z. B. durch die Massenkreuzigung von 6000 Slaven zwischen Rom und Capua nach der Niederschlagung des Spartakus-Aufstandes 71 v. Chr.

Marcus Crassus lässt 6000 Slaven kreuzigen (Bild: spartacus.fandom.com, CC BY-SA]

oder durch die Legende um Petrus’ Flucht aus und Rückkehr nach Rom (Kap. 33–41 der sog. ’Petrusakten‘, 2. Jh.)

Die Überlieferung gibt an, dass Petrus, einer der Jünger Jesu und nach dessen Kreuzigung in Jerusalem erst Gründer der Jerusalemer Urgemeinde und später Missionar und erster Bischof Roms, aus Gefahr um sein Leben aus der Metropole Richtung Süden flieht. Auf dem Weg erscheint ihm wunderbarerweise der auferstandene Jesus. Auf die Frage „Wohin gehst Du, Herr?“ (lat. „Quo vadis, domine?“) antwortet ihm dieser, dass er auf dem Weg nach Rom sei, um sich noch ein zweites Mal kreuzigen zu lassen. Beschämt bricht Petrus daraufhin seine Flucht ab und kehrt zurück. Wieder innerhalb der Mauern Roms wird er unverzüglich festgenommen und getötet.

Quo vadis domine?

An der Stelle dieses mutmaßlichen Ereignisses wurde im 9. Jh. eine kleine Kirche, Santa Maria in Palmis, gebaut, deren Highlight eine Marmorplatte mit dem angeblichen Fußabdrücken Jesu Christi darstellt.

„Quo vadis domine?“ von Annibale Carracci, 1602, Öl auf Holz, National gallery, London

Auch heute noch erfährt die Via Appia eine große Bedeutung z. B. durch die Besonderheit, dass sie südöstlich von meinem heutigen Startpunkt ca. 62 km Kilometer schnurgerade durch eine sumpfige Ebene führt. Sie ist damit bis heute Europas längste gradlinige Straße.

Nicht ganz so lang, aber immerhin acht Kilometer bin ich diesem Weg glücklich und inspiriert nach Nordwesten gefolgt. Begleitet von dem heiteren und ziemlich eindringlichen Gezwitscher der allenthalben in und um Rom anzutreffenden Alexandersittiche.

Sie sind die inzwischen wirklich zahlreichen Nachfahren der anfänglich wenigen Exemplare des ehemaligen vatikanischen Zoos, die Papst Johannes Paul geschenkt wurden, aber wohl ziemlich fix entwischt sind. Sie ließen sich dann aber dennoch in den vatikanischen Garten nieder und haben sich von dort aus mittlerweile, naja, eben bis mindestens 17 km außerhalb des Stadtzentrums ausgebreitet.

Balsam für die Seele

Aber auch für die übrigen Sinne ist diese Wanderung auf der antiken Handelsstraße immer wieder eine Lust und Freude. Das morgendlichen feuchte Gras duftet ebenso wie die Pinien und die buschig wachsenden Sträucher, die beiderseits dem Weg säumen.

Abgerundet wird das Ganze von einer geradezu verschwenderischen Vielzahl steinerner Artefakte und Gebäuderuinen aus den 23 Jahrhunderten seit Bestehen dieses altertümlichen Boulevards. Seien es Überreste von Tempeln, aktive oder erfolgreich abgeschlossene Ausgrabungsstätten, antike Wohnhäuser, oder Villen, teils seit Äonen verfallen oder tatsächlich bis heute von vermutlich sehr wohlhabenden Familien bewohnt und gepflegt, Gedenktafeln, Statuen bzw. verbliebene Fragmente davon, Grablegen, Denkmäler oder Aquädukte, also über Land geführte Wasserleitungen.

Beispiel eines solch monumentalen Überrestes der Vergangenheit (Foto: Sarah A. Besic, CC BY-SA 4.0)

Solcherart berauscht von lebendiger Geschichte und wunderschönen Natureindrücken kam ich zum Mittag an meinem Lieblings-Begrüßungs-Café an. Dort orderte ich mir erstmalig in Italienisch meinen te con latte (naja, eumelmäßig Tee mit Milch eben), dazu ein occhio di bue (dt. Ochsenauge, Mürbteig-Gebäck in zwei Schichten mit mittigem Marmeladenkreis in der oberen Ebene).

Danach bin ich nicht wie sonst weiter direkt auf die Aurelianische Mauer zugelaufen, sondern in einen ziemlich großen und sehr friedlichen Park, fast schon ein recht ausgedehntes Naherholungsgebiet abgebogen. Die verschlungenen Pfade führten mich schließlich zu meiner grandiosen, ruhig (sic!) gelegenen Unterkunft unmittelbar an diesem städtischen Grünstreifen.

Die sehr liebe Bewohnerin dieser sauberen und gepflegten Wohnung, eine ausgewanderte Lättin, wies mich in die Räumlichkeiten ein, wir unterhielten uns auf Anhieb sehr angeregt über unsere Biografien und empfehlenswerte Sehenswürdigkeiten der Heiligen Stadt, bevor sie dann zu ihrer Arbeit als Stadtführerin entschwand.

Ankommen und wohlfühlen

Ich installierte mich rasch, duschte mich, wechselte mein äußeres Erscheinungsbild von Wanderbursche zu stadtfein und setzte meinen Fußweg in die Stadtmitte fort.

Und dort, neben der Wiedersehensfreude über all die großartige Architektur vor allem der Renaissance, die freundlichen, zuvorkommenden Bewohner (besonders im Straßenverkehr!) dieses lebhaften Fleckchens Erde, dem obligatorischen Erstbesuch von St. Peter, dem 3-Euro-monstergroß-und-lecker-Eis, drei Händen voll Pizza, um die verbrauchte Wanderenergie zu substituieren, war es vor allem ein unglaublich berührendes Schauspiel am Himmel, welches mein Herz erwärmte.

Hauptsächlich über dem linksseitigen Ufer des Tibers zwischen der Ponte Palatino und der Engelsbrücke stob eine Heerschaar Staare (arrivierte Medien sprechen von jährlich vier Millionen überwinternden Tieren!) bei ihrem allabendlichen Schauspiel in wilden, wechselnden, sich stetig verschränkenden, kreuzenden, sich voneinander lösenden und wieder zusammenkommenden Teil-Schwärmen hin und her. Atemberaubend! Der ganze Himmel voll von Vögeln, die dass Leben, dem Sonnenuntergang, sich und die Schöpfung feiern und huldigen. Und weit und breit keine Ampel oder ein ähnliches Regelungssystem, welches dieses organische, hochdynamische und -komplexe, aber vor allem einfach wunderschöne Ereignis steuert oder koordiniert.

Das All-Eine beim Spielen

Meine erste Assoziation dazu: Wenn eine Vielzahl einzelner Lebewesen wie ein unteilbares Ganzes dem All-Einen Bewusstsein in seinem Entstehen und seiner Bewegung Ausdruck verleiht, gleichzeitig diesem steten Werden und Vergehen mit purer Schönheit huldigt, dann kommt das dabei heraus. Quasi ein anmutiges Vogelschwarm-Qi-Gong, der perfekte Fluss durch Multividuen-Tai-Chi. Ein „Ereignis“, welches „mich“ an das „Erleben“ erinnert, wie sich aus der Non-Dualität Bewusstsein erhebt, Form findet und schließlich wieder dahinein entschwindet, wo es „herkam“. Alter, ich war total geflasht!

Und mit diesen Eindrücken gehe ich jetzt nach einem langen Tag erfüllt schlummern. Buena notte!