Die Zeigefinger zweier Hände berühren sich

Humanisten vs. Religionsphilosophen

Rezension zweier Abend-Veranstaltungen in Berlin und Leipzig

Die Zeigefinger zweier Hände berühren sich
(Foto: Pixabay, gemeinfrei)

In der vergangenen, 39. Kalenderwoche dieses Jahres 2019 besuchte in an zwei Tagen hintereinander zwei Veranstaltungen, die inhaltlich sehr eng miteinander verwandt waren und doch von ihren Grund-Standpunkten her kaum weiter auseinanderliegen konnten.

Am Donnerstagabend ab 19:00 Uhr tagte der Humanistische Buchclub der Giordano Bruno Stiftung, Regionalgruppe Leipzig im Erich-Zeigner-Haus. Die Giordano Bruno Stiftung (GBS) sieht sich selber als „Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung“ mit über 10.000 Fördermitgliedern, die in 50 Regional- und Hochschulgruppen organisiert sind.

Humanismus XT

Unter dem Label des Evolutionären Humanismus vertreten die Anhänger dieser Strömung die Auffassung, dass das gesamte Universum ein ausschließlich naturhaftes Geschehen sei. Sie treten ein für die strikte Trennung von Staat und Kirche und geben daher einer sich auf Vernunft gründenden Ethik den Vorzug vor einer traditionellen, religiös geprägten Moral. Erkenntnisgewinn im Zuge von Entwicklung ersetzt für sie vormals unumstößliche Wahrheitsansprüche. Der Evolutionäre Humanismus grenzt sich dabei deutlich ab von sozialdarwinistischen1 Vorstellungen.

Ein „humanistisches Glaubensbekenntnis“

Der Philosoph und Vorstandssprecher der GBS, Michael Schmidt-Salomo, hat am Schluss seines Buches Hoffnung Mensch: eine bessere Welt ist möglich 2 ein unverbindliches, obschon trotzdem richtlinienhaftes „humanistisches Glaubensbekenntnis“ veröffentlicht, welches auch auf der Website der GBS zu finden ist:

Ich glaube an den Menschen
Den Schöpfer der Kunst
Und Entdecker unbekannter Welten.

Ich glaube an die Evolution
Des Wissens und des Mitgefühls
Der Weisheit und des Humors.
Ich glaube an den Sieg
Der Wahrheit über die Lüge
Der Erkenntnis über die Unwissenheit
Der Phantasie über die Engstirnigkeit
Und des Mitleids über die Gewalt.

Ich verschließe nicht die Augen
Vor den Schrecken der Vergangenheit
Dem Elend der Gegenwart
Den Herausforderungen der Zukunft
Aber ich glaube
Dass wir bessere Wege finden werden
Um das Leid zu vermindern
Die Freude zu vermehren
Und das Leben zu bewahren.

Ich glaube an den Menschen
Der die Hoffnung der Erde ist
Nicht in alle Ewigkeit
Doch für Jahrmillionen
(Amen).

Die Regionalgruppe Leipzig der GBS richtet monatlich neben dem Humanistischen Buchclub auch einen „Säkularen Stammtisch“ aus, der gemeinsam mit dem Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten, den Leipziger Skeptikern sowie der Leipziger Gemeinde der Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters veranstaltet wird.

Religionsgeschichte Deutschlands

Buchcover Religionsgeschichte Deutschlands in der Moderne
(Buchumschlag: WBG, alle Rechte vorbehalten )

An diesem Abend wurde das im WBG-Verlag 2017 erschienene Lehrbuch Religionsgeschichte Deutschlands in der Moderne3 aus der Reihe Geschichte Kompakt besprochen. Der Autor, Prof. Dr. Horst Junginger, Lehrstuhlinhaber der Stiftungsprofessur für Religionswissenschaft und Religionskritik am Leipziger Institut für Religionswissenschaft, war dabei selber zugegen.

Seiner Berufung an die Leipziger Universität ging dabei eine kleine Odyssee voraus, da vorher bereits viele deutsche Universitäten die Einrichtung einer solche Professorenstelle abgelehnt hatten. Hintergrund für diese hochschulpoltische Haltung war wohl in vielen Fällen die enge und grundsätzlich eigentlich kontraindizierte Verzahnung von theologischen Fakultäten mit dem Fach Religionswissenschaft einerseits, die jeweils landesspezifischen Bedeutungen bestimmter Konfessionen des Christentums andererseits sowie die Angst, missverständlicherweise als religionsfeindlich abgestempelt zu werden.

Johannes Gerdes, ein langjähriges Mitglied der Leipziger GBS, hatte sich das Werk zu Gemüte geführt und mittels beispielhafter Textausschnitte eingehend analysiert und ausführlich kommentiert. Die Veranstaltung war dabei insgesamt zweigegliedert: Im Ersten Teil verlas Herr Gerdes seine vorgefertigte und verschriftlichte Buchbesprechung, der zweite Teil war den Publikums-Fragen an den Autor und einer allgemeinen Diskussion zum Thema gewidmet. In den Räumlichkeiten des Erich-Zeigner-Hauses waren ca. ein Dutzend Personen anwesend.

Das geistige Bärlin

Dietrich Bonhoeffer
(Foto: Dietrich Bonhoeffer; Bundesarchiv, Bild 146-1987-074-16, CC-BY-SA 3.0)

Das zweite von mir in dieser Woche besuchte Ereignis fand in dem von mir wenig geliebten, preußischen Millionen- und Reichs-Wolkenkuckucksheim Berlin statt. Am Freitagabend trafen sich Mitglieder des seit 2007 bestehenden Religionsphilosophischen Salons in den Räumlichkeiten der Galerie Fantom e. V. Thematisch wurde der Frage einer Neuorientierung in der spirituellen Suche nach einer vernünftigen (christlichen) Religion nachgegangen. Anhand des Vorschlages Dietrich Bonhoeffers zum „religionslosen Christentum“ wurde vom Leiter des Salons, Christian Modehn, ca. 30 Minuten lang eine Diskussionsgrundlage in Form von Bonhoefferschen Zitaten, möglichen Meinungsstandpunkten und eigenen Gedanken dazu geschaffen, um dann in das persönliche Gespräch zu kommen.

Die besondere Stellung Bonhoeffers, der das qualvolle Ende seines Lebens im Konzentrationslager Flossenbürg in der Oberpfalz verlebte, wo er noch kurz vor der Kriegsniederlage gehängt wurde, begründet sich in der Schwierigkeit, ihn in eine vorgefertigte Schublade zu stecken. Einerseits war er zutiefst bekennender evangelischer Christ, der in der Pfarrausbildung tätig war, andererseits führte sein inneres Ringen und die Suche nach einem zeitgemäßen Protestantismus ihn immer wieder auch an den Rand des kirchlich-institutionell Geduldeten. Seine stets kritische Haltung und Nähe zum Widerstand gegenüber dem seinerzeit aufstrebenden und sich verfestigendem Nationalsozialismus brachte ihn schließlich in Haft.

Zwei Abende, ein Zeitfenster

Interessant war die thematische Verbindung beider Abende durch das betrachtete Zeitfenster des Nationalsozialismus. Während Gerdes beim Buchclub die überwiegend schmähliche Rolle der christlichen Kirchen im „1000jährigen Reich“ herausstrich, wurde im Berliner Salon den aus den Geschehnissen zwischen Machergreifung und Kriegsende bis heute gültigen Fragestellungen nach Bedeutung und Verständnis von Gott und der Verantwortung des Menschen nachgegangen. Beide Zugänge erwiesen sich dabei für mich als wertvoll und inspirierend!

Ich will auch hier nicht inhaltlichen Fragen nachgehen. Darüber wurden erstens bereits unzählige Bücher und wissenschaftliche Artikel verfasst, zweitens sehe ich mich, trotz gewisser tieferer Einblicke und einem lebendigen Interesse daran, durchaus nicht als Fachmann dafür.

Warum dieser Artikel?

Die ursächliche Motivation dieses Artikel rührte ganz woanders her: In der durch meine Stellung als erstmaliger Gast bei beiden Veranstaltungen herrührenden Rolle als außenstehender Zuschauer und -hörer. Gerade habe ich ein Forschungsprojekt abgeschlossen zum Thema Religionskritik im Film. In Luis Buñuels Die Milchstraße von 1969 wird auf erfrischende Art und Weise in 97 kurzweiligen Minuten der Kern des traditionellen, katholischen Dogmas aus 20 Jahrhunderten aufgegriffen und sachgerecht zerlegt. Augenscheinlich lässt Buñuel dabei seine tiefe Abneigung einer wahrheitsbehauptenden Kirche in beißende, surrealistisch verpackte Kritik kondensieren. Mir ist also eine kritische Haltung gegenüber institutionalisiertem Glauben einerseits sachlich nicht fremd, andererseits persönlich durchaus anziehend.

Was mir im Vergleich beider Abende jedoch deutlich auffiel, fasse ich wie folgt zusammen: Die Humanisten gerierten sich deutlich unentspannt dogmatisch, während die Religionsphilosophen ein undogmatisch entspanntes Miteinander boten. Sowohl die aus dem Auditorium der GBS geäußerten Meinungen, wie auch die Art und Weise mit anderen (u. a. meinen) Sichtweisen umzugehen, machten auf mich einen deutlich missionarischen, radikalen und wenig wertschätzenden Eindruck. Entfernung der Teilnehmer von gewaltfreier Kommunikation, evolutionärem Kommunikationsprozess und Bohm’schem Dialog: Ca. 3–4 Lichtjahre.

Wollten dort Einzelne den Glauben an sich als generell ungültige Kategorie am besten gleich in der Schule verdammt und das Wort „Religion“ aus allen Gesetzestexten getilgt wissen, wurde dort Kindern jegliches Verstandesvermögen abgesprochen und ein geschichtlich nachträglicher Maßstab an die moralische Integrität von Kirchen als Erwartung angelegt (welche ex post natürlich nur enttäuscht werden konnte), war es vor allem die fast geifernde Empörung, die stetig den Nachweis der Schlechtigkeit von Gottesvorstellungen zu führen sich genötigt und ermächtigt sah. Die Humanisten entpuppten sich als dogmatische Wahrheitsverkünder im modernen Gewand. Ton, Stoßrichtung und Habitus erinnerten mich dabei vital an Ausschnitte des Filmes von Buñuel. Wie lustig…!

Berliner Schmäh…

In Berlin dagegen herschte eine Atmosphäre des wohlwollenden Zuhörens, der immer auch suspendierbaren und achtenden Meinungsäußerung, ein wahrhaftiges, vielschichtiges und immer den Zweifel und die Frage nicht nur zulassendes, sondern vielmehr einladendes und demütiges Ringen mit dem Menschsein in der Welt vor der – durchaus hinterfragbaren – Kulisse einer göttlichen Transzendenz.

Mir als Religionswissenschafter gefällt ja die sog. agnostische Objektivität zunächst einmal sehr gut. Arbeitstechnisch nähere ich mich meinen Betrachtungsgegenständen so sachlich und sachgerecht wie möglich. Ich versuche, das mir Vorliegende im Sinne einer strengen Nachvollziehbarkeit zu verstehen und verständlich zu machen und gehe immer davon aus, dass ich (derzeit) im wissenschaftlichen Sinne nicht wissen kann, ob es soetwas wie eine Transzendenz (Gott o. ä.) geben kann. Damit bin ich dann auch außerhalb dieses Wissens- und Verstandesumfeldes immer erstmal gut beraten.

Natürlich bin ich aber nicht nur analytischer Geistesarbeiter, sondern eben auch lebendiger Mensch. Und als solcher, völlig unanhängig davon, dass ich mit Transzendenz durchaus etwas Lebendiges und Wirkliches verbinde, suche ich stets, die menschliche Ebene mit einzubeziehen. Das Wunder der Existenz, die Ehrfurcht gegenüber Allem und die Hingabe an Alles seien dabei als Primat meines Daseins genannt. Und genau diese Grundkoordinaten leiten mich an, immer und immer wieder als Wahrheit verkaufte Aussagen zu hinterfragen. Auch, nein, ganz besonders, wenn sie für sich eine Meta-Gültigkeit einfordern. Es mag ja sein, dass die Religion „Wissenschaft“ (wobei bestimmte Zweige gerade der Naturwissenschaft sich als schon viel demütiger und undogmatischer herausgestellt haben!) im Moment Oberwasser hat, aber was weiß ich denn, welche Umstände das, was wir heutzutage für wahr und richtig halten in Zukunft in einem völlig anderen Licht erstrahlen lassen?

Alert mode

Rote Alarmlampe
(Foto: Andreas Roesler, Pixabay, gemeinfrei)

Wenn also der Verstand über alle sonstigen, möglichen Zugangsformen zur Welt überhöht wird, wenn Wissen, als sein Surrogat, als allein selig machend angepriesen wird und wenn alle, die sich dieser Überzeugung nicht fügen, verächtlich gemacht werden, leuchten bei mir alle Alarmlampen auf, der sirenenartige Warnton erschallt und mein EumelOS fährt sich im abgesicherten Modus hoch. Selbstverständlich droht in heutiger Zeit kaum noch jemand mit dem Scheiterhaufen oder der räumlichen Verbannung bei abweichenden Meinungen, das Instrumentarium zur Disziplinierung existiert dennoch, wenngleich zeitgemäß subtiler.

Und also haben im direkten, stichproben- und zufallsartigen Vergleich die Humanisten definitiv den Kürzeren gezogen gegenüber den Religionsphilosophen – marketingtechnisch wie auch kommunikativ.

Unfair? Vielleicht. Unberechtigt? Möglich. Unbegründet? Mitnichten.

Danken möchte ich aber beiden für die überaus wertvolle Erfahrung!

  1. Sozialdarwinismus ist die Vorstellung, dass die biologische Lehre vom „survival of the fittest“ (fälschlich gerne übersetzt mit „Überleben des Stärkeren“, während eigentlich gemeint ist der evolutionäre Vorteil des besser an die Umgebung angepassten Lebewesens) eins zu eins übernommen wird in gesellschaftliche Fragestellungen wie bspw. ökonomische Vorangstellungen und Tauglichkeit von menschlichem Erbmaterial.
  2. Schmidt-Salomon, Michael: Hoffnung Mensch: eine bessere Welt ist möglich. Ungekürzte Taschenbuchausgabe, 3.Auflage. Piper 30710. München: Piper, 2017. ISBN 978-3-492-30710-9, bei Amazon hier erhältlich
  3. Junginger, Horst: Religionsgeschichte Deutschlands in der Moderne. Geschichte kompakt. Darmstadt: WBG, 2017. ISBN 978-3-534-25811-6, bei Amazon hier zu erwerben