Manhattan, New York/USA von New Jersey über den Hudson River gesehen

The Kitchen: Queens of Crime

Filmkritik zur Sneak-Preview eines New York Midtown Action-Dramas

Manhattan, New York/USA von New Jersey über den Hudson River gesehen
(Original-Foto; Pixabay, gemeinfrei)

Für einen Europäer mag es sonderbar anmuten, wenn er sich die reißbrettartige Raumaufteilung der US-Finanzmetropole nach ethnischen Zugehörigkeiten vor Augen führt. Dass in einem Schmelztiegel wie New York darüberhinaus nicht nur Glamour und Reichtum herrschen, ist schon viel einfacher nachzuvollziehen. So sind die Grundzutaten für dieses vielschichtige Anti-Märchen auch schon beschrieben: Zugehörigkeit und Verteilung, Integrität und Kampf.

Film-Location – Geschichte und Geschicke

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts war aus dem ehemaligen Weideland auf der Insel Manhatten an ihrer mittleren, westlichen Flanke ein Elends-Wohnviertel entstanden. Vornehmlich Hafenarbeiter irischer Abstammung, die meisten von ihnen Flüchtlinge vor der heimatlichen Hungersnot, ließen sich dort nieder und bildeten den dominanten Kern der Bevölkerung. Ausgeprägte Armut, räumliche Enge und eine überaus hohe Gewaltbereitschaft und Kriminalität trugen dem Stadtteil schnell den Namen „Hell’s Kitchen“, die brodelnde Küche der Hölle, ein. Die relative Herkunfts-Homogenität der Bewohner blieb auch bis weit ins 20. Jahrhundert erhalten, was der irischen Enklave neben anderen Stadtteilen wie China-Town oder Little Italy einen typischen kulturellen „Geschmack“ verlieh, der zum Teil bis heute erhalten ist.

Karte von New York City, Hell's Kitchen hervorgehoben
(Kartendaten: OpenStreetMap-Miwirkende, CC BY-SA 2.0; Bearbeitung: Sarah A. Besic)

Im Norden von der 59th Street, im Süden von der 34th Street begrenzt, schmiegt sich der Distrikt im Westen bis heute an den Hudson-River an, während im Osten die 8th Street die Grenze bildet. Auf diesem Raum und mit dem Jahr 1978 beginnend, ist die Geschichte verortet. Drei Frauen, deren Ehemänner soebend rechtskräftig zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, stehen mittel- und hilflos vor dem Scherben ihrer Existenz. Traditionell ihren Männern untergeordnet, fehlt es ihnen an Bildung, finanziellen Mitteln und Möglichkeiten, sich zukünftig ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Der Plot, eine Momentaufnahme einer Gesellschaft im Umbruch

Dürftige Zuwendungen durch kriminelle Freunde, der „Familie“, stellen sich heraus als zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig. Persönliche Gewalterfahrungen, sowie Options- und Ausweglosigkeit führen die drei schließlich dazu, die Zügel des Handelns selber in die Hand zu nehmen. Grundlage für ihr weiteres Tun sind die fragwürdigen Machenschaften ihrer weggesperrten Gatten, als toxische Mitgift entpuppt sich dagegen ein machthungriger, nachgerückter zweiter Mann. Und so nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Es ist die Geschichte von weiblicher Emanzipation, die Geschichte von echter und Zweckfreundschaft, die Geschichte von Infragestellung und Neudefinition, die Geschichte von offensichtlicher und subtiler Machtausübung. Das Ende der 1970er Jahre, eine Ära zwischen Tradition und Aufbruch, dient dabei als zeitliche Kulisse dieser anspruchsvollen Stadtteil- und Millieu-Saga, die auch immer ein Sittenbild der US-amerikanischen Gesellschaft abgibt.

Der deutsche Trailer (Video: KinoCheck bei YouTube)

Die Darsteller und ihre Rollen

Zunächst ungewohnt und daher gewöhnungsbedürftig ist die Rolle der Hauptdarstellerin Melissa McCarthy. Tat sich die 49jährige Schauspielerin bisher vor allem durch Klamauk-Rollen in Filmen wie Brautalarm, Taffe Mädels, Tammy – Voll abgefahren und Ghostbusters hervor, gab schon die Figur der Lee Israel in Can You ever forgive me? zu denken bezüglich einer Neupositionierung als ernsthafte Charakterdarstellerin. In diesem Film spielt sie ihr schauspielerisches Können wiederum überzeugend aus, wenn auch die Schlichtheit der Rolle nicht so wahnsinnig viel hergibt.

Ebenso verhält es sich mit der Schauspielerin Tiffany Haddish, bekannt z. B. aus Meine Frau, die Spartaner und ich, Girls Trip und Nobody’s Fool – Die Knastschwester. Die Figur der einfachen und selbstbewussten Ruby O’Caroll scheint ihr wie auf den Leib geschneidert. Bedeutend vielschichtiger bietet sich die Rolle der Claire Walsh, gespielt von Elisabeth Moss (El Camino, Day Zero, Honored, Der Moment der Wahrheit) dar. Ihre Zerrissenheit, das stetige Ringen mit sich, den anderen und dem Schicksal und die dabei sichtbar werdende, emotionale Tiefe legen den Maßstab an die Rolle erheblich höher an, während die Darstellerin diese Erwartungen vollauf erfüllen kann.

Kamera und Sound

Die Kameraarbeit biedert sich nicht an moderne Trickeffekte an, sondern leistet ein solides und angemessenes Handwerk, wenngleich einzelne Szenen vom Plot, der Handlungsachse und der Perspektive her deutliche Anleihen an dem schonungslosen Dramaturgieverständnis von Quentin Tarrantino nehmen. Manchmal gewinnt der Film dadurch, manchmal jedoch wirkt diese Effekthascherei leicht übertrieben und künstlich.

Naturgemäß sollte solch ein Youngtimer-Film dann auch vom Sound her das Setting unterstreichen, was hier satt und saftig geschieht: Von Curtis Mayfield über James Brown bis hin zu Fleetwood Mac und den Rolling Stones werden akustische Bojen ausgelegt, die einem heutigen Zuschauer den Zeitbezug eingängig machen und das Gefühl der lebendigen Handlungsteilhabe aufkommen lassen.

Das gedruckte Original

Titel des englischen Comics The Kitchen
(Coverabbildung: DC Vertigo/Amazon, alle Rechte vorbehalten)

Warum der Film jedoch trotz seiner Qualität nicht annähernd zehn Punkte bekommen kann, wird erst klar, wenn man dessen Herkunft verfolgt. Das von der Regisseurin Andrea Berloff mitgeschriebene Drehbuch beruht nämlich auf der achtteiligen Graphic Novel The Kitchen1 aus den Jahren seit 2014 von dem Comic-Duo Ollie Masters (Autor) und Ming Doyle (Zeichner). Beide haben am Skript mitgearbeitet und versucht, das beste aus der gezeichneten Vorlage zu machen. Leider blieb es bei einem halbgewalkten Versuch. Während die colorierte Kantigkeit der irischen Mafia-Frauen in dem ursprünglichen Druckwerk von Anfang an überzeugt und einen auf die Seite der Protagonistinnen zieht, bleibt in der Filmadaption der Zuschauer weitegehend ein außenstehender Beobachter. Während im Comic die schmallippige Schnodderigkeit der Akteure knackig-kurze Dialoge zeitigt, muss dagegen im Film mit hineingeskripteten Erklärungen der Handlungsverlauf lebendig gehalten werden. Und einmal abgesehen von den optischen Abweichungen der Zeichenfiguren zu den politisch korrekten Film-Adaptionen der Jetztzeit kann die gesamte Bildästhetik des Spielfilmes nicht mit der eleganten Reduziertheit der Graphic Novel mithalten.

Fazit

Und trotz der Tatsache, dass in einem solchen Falle Film niemals eine Eins-zu-Eins-Umsetzung des Comics sein kann, verliert der Film genau an dem gescheiterten Versuch der Übertragung. Lustigerweise wusste ich das zum Zeitpunkt des Schauens noch gar nicht. Das Einzige, was mir auffiel, war eine stetige, unterschwellige Unauthentizität. So empfiehlt das Gesamtergebnis mit den von mir vergebenen sieben von zehn Punkten aber immer noch einen durchaus sehenswerten Actionsfilm.

  1. Brandneue, deutsche Gesamtausgabe: Masters, Ollie; Doyle, Ming: The Kitchen. Panini Verlags GmbH, 2019. ISBN 978-3-7416-1534-4, erhältlich bei Amazon für 18,99 EUR. Neue englische Ausgabe: Masters, Ollie; Doyle, Ming; Bellaire, Jordie; Robins, Clem; Cloonan, Becky: The Kitchen. DC Vertigo Comics, 2019. ISBN 978-1-77950-049-6, erhältlich bei Amazon für 11,51 EUR. Original-Serie: Heft 1, Heft 2, Heft 3, Heft 4, Heft 5, Heft 6, Heft 7, Heft 8