ROM 03|19

Von Achsen und Blöcken

Das morgendliche Pilger-Panorama (Foto: Sarah A. Besic, CC BY-SA 4.0)

Abermals kündete der Ruf von Tieren vom Beginn eines neuen Tages. Die zuvor schon gewürdigten Alexandersittiche krakeelten fröhlich im Baum gegenüber meines Zimmers und flatterten durch das regennasse Blattwerk. Der Geruch von Kiefernharz mischte sich mit Blumenduft und zog durch die feuchtwarme Luft zum meiner Nachtstatt.

Wohlig und ausgeschlafen entkuschelte ich mich aus meinen südeuropäischen Deckenlagen, setze meinen Fuß auf den kühlen Fliesenboden und tappste ins Bad nebenan. Etwas belebendes Wasser aufs Gesicht, den derangierten Haarwust gerichtet und flugs Speis und Trank einem erlebnishungrigen und tatendurstigen Körper zugeführt. Heute würde ich auf Entdeckungsreise gehen, mutig und gespannt.

So sogen mich die ersten Schritte unweit meiner Unterkunft in besagten Park, der sich entlang des kleinen Bächleins Almone im tiefer gelegenen Caffarella-Tal in Ost-West-Richtung an die Via Appia schmiegt.
Und schon Momente, nachdem ich aus dem Dunstkreis der städtischen Wohnbebauung getreten war, eröffnete sich nach Südwesten hin ein Panorama, das jede Enge in der Brust schlagartig weitete, den Kopf öffnete und mir ein tiefes, sehnsuchtsvolles Ein- und Ausatmen entlockte. (Für die verdienten Wallfahrer unter den Lesern: Pures, leckeres Pilger-Feeling).

Die Steinplatte mit den angeblichen Fußabdrücken Jesu (Foto: Sarah A. Besic, CC BY-SA 4.0)

Hinunter also in den Talgrund und hinüber zur Via Appia (hier eine gut befahrene Kopfsteinpflaster-Straße), an deren Ende die besagte Kirche Santa Maria in Palmis, wo der Legende nach der aus Rom fliehende Petrus auf die Erscheinung Jesu traf.

Eine moderne Adaption der Fußabdruck-Geschichte (Foto: Sarah A. Besic, CC BY-SA 4.0)

Nach dem Durchschreiten eines weiteren Park-Stückchens das ultimative Kontrastprogramm: Die nach Südwesten führende, innerstädtische Verkehrsachse Via Cristoforo Colombo; eine anfangs zehnspurige Allee (Baumreihe, zwei Fahrstreifen stadteinwärts, Baumreihe, drei solche Spuren, Baumreihe, drei in die andere Richtung, Baumreihe, zwei Fahrbahnen hinaus aus dem Centrum) zieht sich über ca. vier Kilometer in Richtung meines heutigen Tageszieles.

Per pedes

Ich konnte es mir natürlich nicht nehmen lassen, dieser Magistrale zu Fuß zu folgen. Zunächst entlang von dem Verfall ausgesetzten, maximal trostlosen Industriebauten auf der einen und vielgeschossigen Bürokomplexen auf der anderen Seite. Der Wechsel zu schmucklosen, ebenso hohen Wohnhäusern beiderseits vollzog sich langsam aber stetig. Dort war dann auch noch ein properer Bürgersteig mit zweispurigem Radweg daneben vorzufinden. Irgendwann aber fiel auch dieser Luxus weg, so dass ich, ganz italienpilgermäßig zwischen Fahrspur und wildem Seitenbewuchs am Straßenrand dieses vielbefahrenen Transportweges kraxeln musste.

Thank God, I survived!

…und,… – und erreichte das „Nordportal“ des neuzeitlichen Trabantenstadtteiles E.U.R.

Ursprünglicher Plan des Weltausstellungs-Projektes, 1935 (Karte: Wikimedia Commons, ArchDiAP, CC BY-SA 3.0)


Bei dem ausgeschrieben – hab ich aber so noch nirgendwo gesehen – „Esposizione Universale di Roma“ genannten Viertel handelt es sich um ein ungefähr 400 ha großes Areal, welches von 1938 bis 1942 angelegt wurde und etwa auf halber Strecke zwischen dem Stadtzentrum Roms und der Stadt Ostia am Meer liegt.

Es war das Vorzeigeprojekt der faschistischen Regierung Benito Mussolinis und sowohl, wie der Name es anzeigt, Beitrag zur Weltausstellung 1942 als auch selbstgemachtes Geburtstagsgeschenk zum 20-jährigen Jubiläum der Machtergreifung.

Fertigstellungsstand 1953 (Foto: Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Das auf dem Reißbrett entworfene Quartier zeichnet sich durch großzügige Haupt- und Nebenachsen aus, an deren Schnittpunkten neoklassische Monumentalbauten errichtet wurden, die ihren brachialen Charakter durch die Verwendung hochwertigen Baumateriales wie Marmor und Travertin unterstreichen.

In den folgenden Jahrzehnten bis zum heutigen Tage wurden die kriegsbedingt überwiegend unterbrochenen Baumaßnahmen fertigstellt, zusätzliche städtebauliche Elemente hinzugefügt und das Areal auf seine derzeitige Größe erweitert. Heute darf man es als gehobenes Wohn- und Administrationzentrum bezeichnen.

Fertigstellungsstand 1956 (Foto: Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Wer mich kennt, weiß, was ich von solcherart seelenloser Architektur halte. Kommt sie dann noch wie hier in einem fast schon gewalttätig zu bezeichnenden Größenumfang daher, erstirbt jeglicher Raum für Wohlwollen, Grazilität, Leichtigkeit, Zweideutigkeit. Solch ein städtebauliches Erscheinungsbild zitiert Überlegenheit und Machtanspruch, strahlt Arroganz und Abweisung aus und fordert Unterordnung und Verneinung alles Organischen. Taugt also genau für unsere Zeit.

Ein paar Eindrücke (alle Fotos: Sarah A. Besic, CC BY-SA 4.0)

Und doch wohnen und arbeiten Menschen an diesem Ort. Wer also bin ich, diese Ausdrucksform von Bewusstsein verurteilen zu können? Kollidiert an diesem Platz nur wieder einmal die enge Vorstellungskraft eines kleinen Egos mit der manifesten Aktualität? Fehlt es an Weite und Raum, Zugang zu finden zum Wahrgenommenen? Wo ist mein Wohlwollen für die Andersartigkeit einer solchen Umgebung? Und wer sagt eigentlich, dass Lebendigkeit und Varianz besser sei als Konformität und Ordnung? Schließlich sind alle Teil unseres Daseins. Der folgsame Soldat in Reih und Glied ist doch nicht besser als die ekstatisch tanzende Dreadlock-Witch? Oder etwa doch?! Wer legt welchen Maßstab daran an? Und warum?

Berührung und Gedanken

Eines kann schon jetzt festgestellt werden: Dieser Besuch inspiriert. Er fördert die Reflexion und fordert Herz und Verstand. Und wenn das nicht schon ein grandioses Ergebnis dieser Horror-Architektur (hihi…) ist!

Den Abschluss bildete der Besuch der Basilika St. Peter und Paul. Immerhin hervorhebenswert (aber nicht wirklich verwunderlich, siehe Lateranverträge und Reichskonkordat) ist, dass die italienischen Faschisten offenbar nicht nur kein Problem mit der römisch-katholischen Kirche hatten, sondern ihr quasi ein Denkmal mit dem Bau dieses Gotteshauses setzten.

Das Gotteshaus von Außen (Foto: Sarah A. Besic, CC BY-SA 4.0)
Das monumentale Altarbild, ca. 4,5 x 9,0 m (Foto: Sarah A. Besic, CC BY-SA 4.0)

Danach: Kino-Preview

Anderthalb chillige Stunden und einen Tee plus Süßgebäck später beschloss ich, es war ja Montag und tragfähige, konstruktive Rituale sind einzuhalten, in der Innenstadt einen Kinobesuch zu unternehmen. Imichtspieltheater Giulio Cesare auf dem Programm eine Netflix-Preview in OV (Originalton mit italienischen Untertiteln): „I due papi“ (orig. „The two popes“, dt. „Die zwei Päpste“).

Der offizielle Trailer

In den Hauptrollen Anthony Hopkins als Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. und Jonathan Pryce als Jorge Bergoglio/Papst Franziskus. Ein wunderbares, sehr sehenswertes Werk mit grandiosen Schauspielern und tollen Dialogen. Übrigens Originalton hieß hier Englisch, Italienisch, Spanisch, Portugisisch und Latein.

Der Film nahm das Thema des Verhältnisses von Kirche und Faschismus für mich dann zum zweiten Mal an diesem Tag auf. Hängen geblieben ist bei mir als Tagesausklang dann das alte Partisanenlied des zweiten Weltkrieges. Alles, was ist, ist Klang. Nada brahma.

Die Hymne der Partisanen