Vom Gießen des Zitronenbaums

Filmkritik zu einer palästinensischen Komödie

Die namengebende Nebensächlichkeit des Films, der Zitronenbaum (Foto: Hans Braxmeier, Pixabay, gemeinfrei)

Was kann Film, genauer: Spielfilm? Diese Frage ist eigentlich eine Überforderung bezüglich einer Suche nach einer erschöpfenden Antwort. Der Schaffensanspruch dieses Mediums kann genauso vielfältig daherkommen, wie die tatsächliche Auswirkung auf den- oder diejenige, die ihn wahrnimmt, aufnimmt, mitnimmt.

Spielfilm kann beispielsweise unterhalten, verstören, inspirieren, nachdenklich stimmen, anregen, beflügeln, langweilen, anöden, erheitern, amüsieren, aufmuntern, Hoffnung machen, usw. usf. Selten löst er nur eines aus, häufig mehreres gleichzeitig oder nacheinander. Interessant wird es, wenn Spielfilme sich unerwartet Themen nähern, deren Vortrag man gänzlich anders angenommen hätte und die Dinge in einem auslösen, die in verwirrendem Gegensatz zum inhaltlichen Gegenstand stehen.

Nährung an Missliebliges

Krisenherde auf diesem Planeten gibt es weiß Gott genug. Das gutgemeinte, aber bei näherem Hinsehen meist scheinheilige, mediale Lamento darüber kann Bände und Archive füllen. Die Reflexion über vielfältige Ursachen, verschränkte Zusammenhänge und polarisierende Perspektiven ist anstrengend, erfordert Durchhaltevermögen und Sachkenntnis und entblößt sehr oft vermeintliche ’Wahrheiten‘ als tief im Diskurs verwurzelte Glaubenssätze. Der Mut, diese mutmaßlichen Gewissheiten zu suspendieren, also in eine einstweilige Schwebe zu versetzen, um sie möglichst wertfrei zu hinterfragen und im Falle ihrer Entlarvung als verblendende, dogmatische Lehrmeinung eben auch zu verwerfen, erfordert Rückgrat, Stehvermögen und Zähigkeit und nur die wenigsten sind bereit, diesen Weg zu gehen.

Das ist die eine Seite der Medaille.

Einer der Spielorte des Filmes: Der Tulleriengarten im Herzen von Paris (Foto: Guilhem Vellut, Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

Die andere wird bravourös in diesem Film präsentiert – und das gleich auf zwei Ebenen: Der palästinensische Regisseur Elia Suleiman sucht für sein Filmprojekt (im Original mit dem Titel „It must be Heaven“, also wie der Film im Original selber!) willige und geeignete Finanziers. Da die cinematische Industrie bei dem neuralgischen Reizwort ’palästinensisch‘ jedoch offenbar vornehmlich politische Kritik, gesellschaftliches Wehklagen und individuelle Verbitterung erwartet, stößt sein Vorhaben eines positiven Filmes nur auf freundliches Desinteresse und liebenswürdige Zurückweisung. Diese Unvereinbarkeit zwischen einer in Stein gemeißelten, sauber zurechtgelegten Erwartungshaltung und dem zaghaften Vorstoß, selbige in Frage zu stellen, entschleiert einerseits die Scheinheiligkeit der Gesellschaft, andererseits die Brüchigkeit der zivivisatorischen Firnis, die sich in ihrer Selbstbehauptungsnot an die oben genannten mutmaßlichen Gewissheiten klammert.

Die zweite Ebene stellt eben dieser Film als solcher dar: Das Thema der palästinensischen Existenz wird dargeboten als unbeschwerte, subtile Komödie. Diese Selbstähnlichkeit zwischen dem Werk als solchem und seinem erfahrbaren Inhalt, stellt jedoch erhöhte Anforderungen an den Zuschauer.

Für wen ist dieser Film geeignet?

Wer Filme vom Schlage ’The Fall‘, ’Stalker‘, ’Die Milchstraße‘ und ’La montana sacra‘ verträgt, versteht und zu schätzen weiß, für den ist dieses Werk hervorragend geeignet. Alle anderen sollten es überdenken, dieses Kunststück anzuschauen. Diese zugegebenermaßen harsche Einschätzung ist weniger als Feststellung, sondern gutgemeinte Empfehlung zu verstehen.

Kunstfilme sind nicht für Jedermann etwas. Man muss sich zunächst einmal eher auf den Fluss der Bilder und den Ton einlassen, als einen schlüssigen, unterhaltenden Plot zu erwarten. Dann kann es bei solchen Werken – wie auch in diesem Falle – nie schaden, wenn man über eine breit angelegte und grundsolide Bildung verfügt, die in der Transferleistung kondensiert, Symbole und Metaphern zu erkennen, zu deuten und einzuordnen. Ansonsten entgehen einem vermutlich die meisten konzeptuellen Zusammenhänge und in Bewegtbilder gebannten Denkfiguren. Weiters muss man sowohl dem Stilmittel der Ironie zugeneigt, wie auch widerspruchstolerant sein, sonst fühlt man sich als Zuschauer übergangen, überfordert oder gar bedroht.

Die richtige Mixtur

Mit diesem anspruchvollen Rüstzeug als Voraussetzung ist der Film in der Lage, sich dem Zuschauer zu offenbaren, ihn einzuladen zu einer harmonisch abgestimmten Collage aus bissig überzeichneten Stereotypen, sehr sanften, geradezu grotesk ruhigen, szenischen Einstellungen und einer subtil-surrealen Protokollierung einer weltlichen Realität.

Dabei kommt der Film trotz seiner steten, durchaus politisch positionierten Gesellschaftskritik mit dem Blick einer jugendlichen Unbekümmertheit erstaunlich leichtfüßig daher. Statt eines in solchen Fällen oftmals vorzufindenden, erhobenen Zeigefingers wird mit dem spichwörtlichen, durch eine sehr präzise Kameraarbeit geschaffenen Abstand die Absurdität unseres Daseins mühelos und humorvoll vor Augen geführt.

Der Trailer des Filmes auf YouTube

Der Regisseur, der zugleich als zentraler Charakter dieses entschleunigten Roadmovies sich selber spielende Elia Suleiman, nimmt den Betrachter mit auf eine Reise der wortlos-staunenden Beobachtung. Nur ein einziges Mal spricht er in den etwas über 100 Minuten Filmlänge. Doch trotz dieser Tatsache geriert sich der Film alles andere als sprachlos oder still. An jedem der drei Handlungsorte Nazareth, Paris und New York sorgen Geräusche, Musik und das Sprechen der übrigen Protagonisten für eine unverwechselbare Atmosphäre und ziehen einen in die jeweils eigenen Welten hinein.

Kamera und Dramaturgie

Eine andere Location als Hintergrund einer grotesken Handlung (Foto: Almog, Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Halbtotale und totale Einstellungen lassen viele Szenen wie Gemälde erscheinen, denen man irgendwie entfremdet gegenübersteht, die Handlungsachsen führen den Zuschauerblick wahlweise in die sparsame Mimik des Hauptdarstellers oder aber entgegengesetzt in genau seine Blickrichtung. Das Erleben in und aus seiner Augenhöhe, insbesondere bei Nahaufnahmen von Gesichtern, Blicken in den Himmel oder hinab von Balkons auf Straßenschluchten machen den Betrachter unwillkürlich zum Zeugen und gleichzeitig Komplizen dieses Trips. Dabei entblößt sich ein vermeintlich erstrebenswertes Weltbürgerdasein an jedem Ort als gleichermaßen schrullige Illusion mit jeweils eigenem Lokalkolorit. Die Welt wird zum Dorf, die Menschen zum liebenswert-bemühten, aber dennoch hilflosen Publikum und die geläufigen, städtischen Kulissen zur dekorativen Nebensächlichkeit.

Der Interesse weckende, thematisch völlig isoliert stehende und daher zunächst zusammenhanglos wirkende Prolog des Filmes, eine Prozession zur griechisch-orthodoxen Verkündigungskirche in Nazareth, ist der kauzige Rahmen einer Reise, die dort endet, wo sie auch begann: In der komplizierten, widersprüchlichen und doch irgendwie beschaulichen Heimat des Regisseurs. Der Kreis schließt sich und der Zuschauer bleibt am Ende mindestens mit der Aufgabe betraut, sich selber in einer Welt voller Unverständlichkeiten und Unvereinbarkeiten zu positionieren. Der Weg dahin ist knifflig, erfordert Geduld, die Fähigkeit zum Zuhören und Reflektieren und kann doch leider Gottes in seinem Ergebnis immer nur eine vorläufige Angelegenheit bleiben.

So ist dieser Film gleichzeitig vielfältig wie ein nahöstliches Festmahl, minimalistisch wie die japanische Innenarchitektur, flüchtig wie ein vorbeiflatternder Schmetterling und inspirierend wie ein opulentes Renaissancegemälde.

Interessanterweise wurde das Werk auf zahlreichen Filmfestivals nominiert, bekam aber nur sporadisch entsprechende Preise. Ich halte es trotzdem für sehr sehenswert. Derzeit bietet Amazon den Film für Prime-Kunden kostenlos an.